WWJD – Hör endlich auf zu tun, was Jesus tun würde

19.8.2020
3 min

In den 1990ern wurde WWJD modern – What would Jesus do? Viele trugen deshalb ein Armband mit diesen Buchstaben. Das Buch mit der Idee dahinter stammt allerdings aus dem Jahr 1896. In gewisser Weise ist es bis heute herausfordernd. Aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Carles Sheldon schrieb 1896 (!) den Roman «In seinen Fussstapfen». Er beschreibt darin, wie ein arbeitsloser Drucker in eine Kirche hineinkommt und realisiert, dass dort kein Platz für ihn ist. Nach seinem Tod beschliessen einige aus der Gemeinde, immer zuerst zu fragen, was Jesus an ihrer Stelle tun würde. Ihr Antrieb ist 1. Petrus, Kapitel 2, Vers 21: «Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fussstapfen nachfolgt.» Diese Selbstverpflichtung ist der Motor des Buches und der viel später entstandenen Bewegung «What would Jesus do?»

Eine dumme Frage?

Der US-Pastor Jason Bradleybehauptet dagegen: «Was würde Jesus tun ist eine ziemlich dumme Frage – und keine, die unsere persönlichen Entscheidungen leiten sollte. Die meiste Zeit benutzen wir Jesus dabei nur als rhetorisches Mittel. Sich auf diese Jesus-Hypothese zu berufen, ist weder überzeugend noch geistlich.»

Die Suche nach Vorschriften

Bradley stellt klar, dass es Persönlichkeitstypen gibt, die die Bibel gern als «Gottes Gebrauchsanweisung» betrachten. Sie brauchen unbedingt eine konkrete Vorlage, Vorschriften, die ihr christliches Leben genau definieren. Ohne diese Anweisungen halten sie ihr ganzes Leben für «subjektiv» und «relativ». Aber was fangen wir damit an, dass es noch so viele unbekannte Dinge gibt, «die Jesus getan hat; und wenn sie eines nach dem anderen beschrieben würden, so glaube ich, die Welt würde die Bücher gar nicht fassen, die zu schreiben wären» (Johannes, Kapitel 21, Vers 25)? Tatsächlich sagt uns niemand genau, was Jesus wirklich getan hat. Es gibt kein konkretes Muster. Wie sollen wir uns nach jemandem richten, der andere manchmal mit einem einzigen Wort geheilt hat (Johannes, Kapitel 5, Vers 8), manchmal in den Dreck gespuckt hat, um Blinden zu helfen (Johannes, Kapitel 9, Vers 6), und sich manchmal mehrfach verweigert hat, bevor er irgendetwas tat (Matthäus, Kapitel 5, Verse 21-28).

WWJD – was würde Jesus tun? – scheint sehr stark von der jeweiligen Situation abzuhängen.

Keine Gebrauchsanweisung

Das Problem bei den biblischen Gebrauchsanweisungen für unser Leben ist, dass sie zu kurz greifen: Jesus selbst hat sich konsequent den scheinbar gültigen Anweisungen für sein Leben widersetzt. Wie sollten wir diese Haltung eins zu eins über 2'000 Jahre hinweg in unsere Gegenwart transportieren? Bradley betont, dass geistliches Leben nicht von Grenzen eingeengt wird, sondern offen für andere Möglichkeiten ist: «Der Geist ist immer in Bewegung, und es ist unsere Aufgabe, ihn zu erkennen und ihm zu folgen.»

Bradley macht dies an einem polarisierenden Beispiel deutlich: Sollte ein christlicher Bäcker eine Hochzeitstorte für ein schwules Paar backen? Wer versucht, diese Frage auf der Grundlage dessen zu beantworten, was Jesus in den Evangelien vorgelebt hat, verschwendet seine Zeit. Solch ein Beispiel kommt nicht vor. Trotzdem bleibt für uns heute die Frage, wie wir damit – und mit tausend anderen Situationen – umgehen sollen.

Lieben statt nachfolgen

Offensichtlich geht es nicht darum, Jesus nachzumachen. Oder seine Entscheidungen in unsere Kultur und Lebenswirklichkeit hineinzukopieren. Die Frage, die sich uns stellt, ist weniger, was Jesus (vor 2'000 Jahren) getan hätte, sondern Gott und seinem Geist heute zu folgen. Das befreit uns davon, uns vorzustellen, wie Jesus damals reagiert haben mag. Letztlich bleibt dies bei aller Herausforderung eine Vermutung! Stattdessen ist die Herausforderung Gottes an jeden Einzelnen: Liebe deinen Nächsten. Hier und jetzt. Von ganzem Herzen. Und mach dabei keinerlei Abstriche.

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
gruppe-lauft-auf-dem-feld

Glauben geht nur gemeinsam

Wer andere zum Glauben einlädt, betont dabei oft die persönliche Seite: «DU musst entscheiden, was das für DICH bedeutet.» Das ist nicht falsch, aber zu einseitig. Tatsächlich zeigt die Bibel einen sehr gemeinschaftlichen Glauben.
Thema
eine-gruppe-von-menschen-die-um-einen-tisch-sitzen

Warum Pastoren keine Dienstleister sind

Was ist eigentlich die Hauptaufgabe eines Pastors? Viele würden spontan sagen: predigen, organisieren, leiten, Seelsorge anbieten, Programme entwickeln. Und ja, all das gehört dazu. Doch wenn wir ins Neue Testament schauen, entdecken wir eine tiefere, zentrale Priorität: Menschen befähigen.
Thema
Frau-spricht-mit-mikrofon

Echt sein – um Gottes willen!

Gerade da, wo Menschen zugeben, dass sie an ihre Grenzen kommen, wird Glaube real. Plötzlich ist Gott da. Mitten im Raum. Man merkt: Hier sind wir «brutto» zusammen, nicht nur mit dem Sonntagsgesicht.
Thema
Wie hältst du am Glauben fest?

Peilung behalten – Damit der Glaube bleibt

Christen sollen an ihrem Glauben festhalten. Aber was heisst das? Kann einem der Glaube - wenn man nicht aufpasst – ganz plötzlich abhandenkommen?