Vollgestopfte Häuser? – Streben nach nachhaltigem Konsum

17.9.2021
4 min
Debora Alder-Gasser
Imported Image
Debora Alder-Gasser

Das Konsumverhalten jedes Menschen ist unterschiedlich und sehr persönlich. Trotzdem haben wir eine Verantwortung, der Umwelt und vor allem unseren Mitmenschen gegenüber. Gedanken dazu von Debora Alder-Gasser.

Vor kurzem habe ich in Jesaja Kapitel 3, Verse 14-15 Folgendes gelesen: «Eure Häuser habt ihr vollgestopft mit dem, was ihr den Armen weggenommen habt. Mit welchem Recht unterdrückt ihr mein Volk und nutzt die Wehrlosen aus?» Diese Worte haben mich tief getroffen.

Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich nachhaltiger konsumieren kann. Ich versuche, meinen Konsum so zu gestalten, dass er die Umwelt und andere Menschen möglichst wenig ausbeutet. In jüngster Zeit habe ich zusätzlich versucht, meinen Konsum grundsätzlich einzudämmen und minimalistischer zu leben. Das entspricht nicht einfach meinem Naturell, weil ich eigentlich lange Zeit sehr gerne eine grosse Auswahl an Dingen besessen habe.

Die Sache mit den Kleidern

Bei der Firma «TEIL» können Kleider ausgeliehen werden.
Imported Image
Bei der Firma «TEIL» können Kleider ausgeliehen werden.

Im Streben nach einem nachhaltigen Konsum habe ich auf den Konsum von Kleidung einen besonderen Fokus gelegt. Ich kaufe praktisch nur noch Second Hand oder sonst fair produzierte Kleider ein. Auch für unsere Kinder sind Second Hand Kleider der Standard. Vor einiger Zeit kam der Gedanke hinzu, dass wir eigentlich gar nicht alles besitzen, sondern vielmehr auch Kleider leihen könnten. Und so habe ich vor rund einem Jahr, zusammen mit einem Team, die Firma TEIL gegründet. Das ist ein Laden, in dem man Kleider nicht in erster Linie kauft, sondern leiht. Er funktioniert im Grunde wie eine Bibliothek. Wir wollen damit einen bewussteren und sorgfältigeren Konsum von Kleidern fördern.

Von allem zu viel

Wenn ich mich in unserer Wohnung umschaue, dann muss ich sagen: Sie ist «vollgestopft». Was davon habe ich ärmeren Menschen weggenommen? Sogar mit meinem bewussten Konsum gibt es in unserer Wohnung Dinge, die Kosten für die Umwelt und für andere Menschen verursacht haben. Vielleicht, weil ich unachtsam konsumiert habe, weil es keine Alternativen zu geben schien oder auch, weil ich als Schweizerin automatisch Teil eines ungerechten Wirtschaftssystems bin. Mir ist bewusst, dass Jesaja diese Worte in einem völlig anderen Umfeld geschrieben hat. Und ich finde grundsätzlich, dass der grössere Zusammenhang beim Bibellesen eine sehr wichtige Rolle spielt. Aber diese Worte von Jesaja scheinen mir so zeitgemäss und vor allem für mein und unser Umfeld bedeutsamer als je zuvor. Unser globaler Konsum zerstört nicht nur unseren Planeten, er geschieht meistens auch zu Lasten und auf Kosten von Menschen, die nichts oder nur ganz wenig haben.

Ausgenützte Textilarbeiterinnen

Die Textilindustrie ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Industrie verursacht mehr CO2 als das Fliegen und die Schifffahrt zusammen. Die meiste Kleidung wird von Menschen hergestellt, die in ausbeuterischen Umständen arbeiten müssen. Menschenrechtsverletzungen sind in der Textilindustrie an der Tagesordnung. Der gesetzliche Mindestlohn reicht in den meisten Produktionsländern nicht aus, um den Textilarbeiterinnen und -arbeitern das Überleben zu sichern.

Erschreckend ist zusätzlich, dass nicht nur die Produktion, sondern auch das Wegwerfen von Kleidung in den letzten Jahren massiv zugenommen hat. Wir kaufen heute 400 Prozent mehr Kleidung als noch vor 20 Jahren und gleichzeitig werden in der Schweiz jährlich 6,3 kg Kleidung pro Person weggeworfen.

Vor unseren Augen passiert im wahrsten Sinne des Wortes Unterdrückung und Ausnützung von Wehrlosen – genau wie das auch Jesaja beschrieben hat. Wir haben auf der einen Seite die vollgestopften Häuser und Menschen, die mit Konsumieren nicht aufhören können. Auf der anderen Seite sind da Mütter, die ihre Kinder in ihrem Heimatdorf zurücklassen müssen, um in der Fabrik in der Stadt wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Oder wir sehen, wie die Modeindustrie Gewässer verschmutzt, was zu Missbildungen und Krebs bei den Menschen an diesen Orten führen kann.

Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit

Wie gesagt, nachhaltiges Konsumieren ist für mich ein zentrales Thema. Trotzdem war mir dieser Vers aus Jesaja ein neuer Ansporn, hinzuschauen, dran zu bleiben und dafür einzustehen, dass wir beim Konsumieren ein neues System und ein Umdenken brauchen. Unser Konsum darf nicht länger auf Kosten von anderen Menschen und der Umwelt geschehen.

Gott spricht durch Jesaja jeden von uns ganz persönlich an. Aber ich entscheide, ob ich ihn zu mir sprechen lassen will. Ja, es geht darum, dass sich Systeme ändern. Aber es geht genauso darum, dass ich meinen Konsum immer wieder hinterfrage, reflektiere und wo nötig anpasse. Was würde Jesaja mir sagen, wenn er in mein Haus eintreten würde? Und was würde er wohl Ihnen sagen?

Zum Originalartikel auf Forum Integriertes Christsein

Teile diesen Beitrag
Das könnte dich auch interessieren
Thema
Ist das Bekenntnis eine Grundlage des Glaubens?

Bekenntnisfreiheit – Kann man ohne Bekenntnis glauben?

Was einige Christen in jedem Gottesdienst rezitieren, lehnen andere völlig ab: Glaubensbekenntnisse. Warum wollen manche Gläubige lieber ohne solche Grundlagen glauben?
Thema
Die Sprache unter Christen soll verständlich sein und zum Nutzen dienen

Zwischen Tradition und Verständlichkeit – Als Christen Sprache gestalten

Du kannst einfach irgendwie reden oder schreiben. Dann kommt meistens auch «irgendetwas» an. Eine andere Qualität bekommt es, wenn du deine Sprache und Inhalte bewusst gestaltest. Das gilt besonders im christlichen Umfeld.
Thema
Mann hält ein Hemd ohne Taschen

Genug! – Das letzte Hemd hat keine Taschen

Wann hat man eigentlich genug? Nicht nur materiell, sondern auch körperlich, geistig... Und wie findet man ein gesundes Mass? Eine kleine Einladung zum «Genug!».
Thema
Frau überlegt, was sie in dieser Zeit tun kann

Sechs Tipps: Was kann und sollte ich tun in unserer Zeit?

Wir erleben unsichere Zeiten in Politik und Gesellschaft. Doch wir müssen nicht ratlos bleiben. Wie Christen aktiv den Entwicklungen begegnen und wie sie zum Segen für die Gesellschaft werden können, erklärt Frank Heinrich.